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A Swiss Homage to
Andrés Segovia
While My Guitar Was Gently Weeping
Music From The Royal Courts Of Germany
Minsk Music - Chamber Music from Belarus
A Swiss Homage to Andrés Segovia
Einleitung
Das Ende eines Jahrhunderts eignet sich dazu, Einblicke in
und Bestandesaufnahmen von historischen Ereignissen und Erbschaften an
Kulturgütern zu vermitteln.
In der Musik kommen Anthologien über das ausgehende 20.
Jahrhundert nur zögernd zustande. Zu sehr ist das Publikum in seinem
Hörerwunsch noch auf die Zeit vor dem 20. Jahrhundert fixiert.
Bei der Musik dieses Jahrhunderts stellt sich zum Teil die
gleiche Problematik wie bei der Musik aus früheren Zeiten. Soweit sie
nicht schon verlegt ist, findet man sie in Bibliotheken. Oft ist es
schwierig, aus der Fülle von Material eine Auswahl zu treffen. So gesehen
ist die Musik des 20. Jahrhunderts noch weitgehend unerforscht. Auch wenn
die Musik schon verlegt ist, wartet sie häufig noch über Jahrzehnte auf
Interpreten und Historiker, die sie spielen und in den richtigen
historischen Zusammenhang stellen.
Wenn wir die musikalische Entwicklung in der Schweiz
betrachten, kommen noch einige Faktoren hinzu, welche der Verbreitung der
schweizerischen Musik im Wege stehen oder standen.
Da die Schweiz keine kulturelle Einheit bildet, fehlt ihr
eine gewisse Ausstrahlung. Das Land ist von kulturellen Grossmächten
umgeben. Auf diese Art und Weise kommt das schweizerische Kulturschaffen
möglicherweise nicht genügend zur Geltung, wird gewissermassen von den
umringenden Ländern absorbiert. Die Schweiz hat sich zusätzlich, vor allem
in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, politisch und dadurch auch
kulturell abgesondert. Dies ist einer der Gründe, warum Frank Martin das
Land kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen hat.1) Das
Niveau des kompositorischen Schaffens in der Schweiz ist mit dem der
Nachbarländer durchaus vergleichbar, wie dies aus der vorliegenden
Einspielung ohne weiteres ersichtlich ist.
Segovia und die Schweiz
Die Bedeutung Andrés Segovias für die Gitarre in diesem
Jahrhundert ist bereits vielseitig dokumentiert worden. Segovia, ein
wahrer Kosmopolit, hat in vielen Ländern gewohnt. Ausser in Spanien lebte
er in Buenos Aires, Montevideo, New York und für kürzere Zeit in Paris.
Ausserdem wohnte Segovia von 1930 bis Anfang 1935 in Genf.2) Er
hat Henri Gagnebin, Direktor des Genfer Konservatoriums, in dieser Zeit
sogar angeboten, eine Lehrstelle für Gitarre zu übernehmen; ein Projekt,
das offensichtlich nicht realisiert wurde.3)
Weniger bekannt ist, dass Segovia, nachdem er 1964 seinen
Wohnsitz in New York aufgegeben hatte, sich wieder in Genf niederliess, wo
er bis zu seinem Tod 1987 eine feste Adresse hatte. Noch 1981 gab er am
Genfer Konservatorium einen Interpretationskurs.
Wo auch immer Segovia war, hat er mit seinem Gitarrenspiel
und durch seine persönliche Ausstrahlung Komponisten inspiriert, für das
Instrument zu schreiben. Wenn wir an Genf denken, so war es zuerst Frank
Martin, der von Segovias Gitarrenspiel begeistert war und für ihn seine
«Quatre Pièces Brèves» schrieb. Nach dem Krieg war es Hans Haug, der, von
Segovia inspiriert, Stücke für Gitarre komponierte. Auch Gagnebin widmete
ihm seine «Trois Pièces». Die Beziehungen zwischen Gagnebin und Segovia
entwickelten sich weiter. Auf Anregung Segovias nahm Gagnebin in seiner
Funktion als Präsident des Internationalen Musikwettbewerbes Genf die
Gitarre zum ersten Mal als Instrument im Wettbewerb auf.4) Dieser
fand 1956 statt, also zwei Jahre vor den Wettbewerben der O.R.T.F. in
Paris.

von links nach rechts: José Azpiazu, Hermann Leeb, Alexandre Tansman,
Luise Walker, Henri Gagnebin, Andrés Segovia und Hans Haug.
Dieser erste Gitarrenwettbewerb überhaupt brachte einiges
an Prominenz der damaligen Generation von Komponisten und Gitarristen
zusammen. So waren neben Andrés Segovia und Henri Gagnebin auch Hans Haug,
Hermann Leeb, José de Azpiazu, Luise Walker und Alexandre Tansman anwesend
(siehe Foto). Die Anforderungen des Wettbewerbes waren hoch. Zu den
Pflichtstücken gehörte u. a. das «Chansons» aus dem Zyklus Gagnebins und
das Concerto für Gitarre und Orchester des Schweizer Komponisten Pierre
Wissmer.5)
Luise Walker erinnert sich, dass der damals 15-jährige
John Williams am Wettbewerb teilnahm.6) Gewinner
des Wettbewerbes war Manuel Cubedo.
Frank Martin
(1890 – 1974)
Quatre pièces brèves
(1933)
1993 erschien in der amerikanischen Gitarrenzeitschrift
«Soundboard» der «Guitar Foundation of America» ein Artikel von Jan J. de
Kloe über die «Quatre pièces brèves».7)
Maria Martin, die Witwe von Frank Martin,
bezeichnet diesen Artikel als den bis jetzt umfassendsten über diese
Stücke. Ich möchte einige Auszüge daraus hier zusammenfassen und noch
etwas ergänzen.
Die 1933 entstandenen «Quatre pièces brèves» sind das
einzige Werk für Sologitarre von Frank Martin. Daneben hat Martin die
Gitarre noch in einigen anderen Kammermusikwerken verwendet. Es sind dies
«Quant n’ont assez fait do-do» (1947) für Tenor, Gitarre und Klavier
vierhändig, «Drey Minnelieder» (1960) für Sopran und Klavier (von Martin
selber für Flöte und Gitarre bearbeitet) und «Poèmes de la mort» (1971)
für drei Männerstimmen und drei elektrische Gitarren.
1933 lebten sowohl Andrés Segovia als Frank Martin in
Genf. Es ist unklar, ob Segovia Martin um ein Stück gebeten hat, oder ob
die Initiative für die «Quatre pièces brèves» von Martin kam. Sicher ist,
dass Martin von Segovia Kompositionen von Castelnuovo-Tedesco erhielt, um
zu zeigen, wie man für Gitarre schreiben kann. Martin jedoch hat keine
Vorlage benützt, um seine Stücke zu schreiben; vielmehr hat er selber mit
Hilfe einer Gitarre die Stücke komponiert. Martin schrieb mit Bleistift
ein erstes Manuskript, wovon er danach verschiedene Fassungen komponierte.
Zuerst liess Martin Segovia eine Abschrift zukommen. Dieser hat hierauf
jedoch nie reagiert. Eine zufällige Begegnung zwischen Martin und Segovia
in der rue de la Corratarie wurde von Segovia mit einem kurzen «au revoir»
abgetan.1) Martin
war durch das Ausbleiben einer Reaktion Segovias verunsichert und
vermutete, seine Stücke seien unspielbar. Im gleichen Jahr noch schrieb er
eine Fassung für Klavier mit folgendem Titel: «’GUITARE’-Suite pour le
Piano (portrait d’ Andrés Segovia) (été 1933)». Der mit Martin befreundete
Dirigent Ernest Ansermet regte ihn an, eine Fassung für Orchester zu
schreiben; diese wurde 1934 uraufgeführt. Martin ging die Gitarrenfassung
jedoch nicht aus dem Kopf. 1938 komponierte er eine neue Version der
«Quatre pièces brèves» für den Zürcher Gitarristen Hermann Leeb, der das
Stück auch spielte. Dies hat Segovia veranlasst, bei Martin um eine neue
Version nachzufragen, weil er seine eigene Abschrift verloren hatte.
Martin jedoch, enttäuscht wie er war, lehnte ab. Somit haben wir keine
Vergleichsmöglichkeit zwischen dem allerersten Bleistiftmanuskript und der
Version, die er danach Segovia gegeben hatte. Die Leeb-Version befindet
sich bei der Paul Sacher Stiftung in Basel.
1950 bekam José de Azpiazu auf Empfehlung Segovias eine
Lehrstelle am Genfer Konservatorium.8) 1951
gab Martin ein weiteres Manuskript der «Quatre pièces brèves» an Jean-Marc
Pasche, Leiter der Musikabteilung von Radio Genève (heute Radio Suisse
Romande), mit der Bitte, diese neue Fassung José de Azpiazu zu übergeben;
dieser sollte eine Aufnahme der Stücke machen. Azpiazu schrieb sich von
Martins Vorlage im Juni 1951 eine eigene Fassung und machte davon am 30.
Juli desselben Jahres eine Aufnahme.8) Anschliessend
gab er Martins handschriftliches Manuskript an Radio Genève zurück, wo
später auch dieses verloren ging. Azpiazu kopierte darauf seine eigene
Fassung der «Quatre pièces brèves». Es ist diese Abschrift, die Martin
anschliessend zurückerhielt.
1955 wurde von Martin noch eine weitere Abschrift für eine
Veröffentlichung angefertigt. Es war Karl Scheit, der die «Quatre pièces
brèves» 1959 bei der Universal Edition in Wien herausgab, Azpiazu wurde
als Herausgeber abgelehnt. Jeder, der die Ausgabe von UE kennt und sie mit
der Leeb-Version vergleicht, könnte meinen, dass Scheit für die vielen
Änderungen der Ausgabe verantwortlich ist. Dies ist aber nicht der Fall.
Vielmehr ist die Fassung Azpiazus aus dem Jahr 1951 fast identisch mit dem
letzten Manuskript, das Martin 1955 an die UE geschickt hat.
Bald nachdem die Ausgabe der «Quatre pièces brèves»
erschienen war, spielte Julian Bream die Musik in seinen Konzerten.1) Der
Komponist wohnte einigen dieser Konzerte in Amsterdam bei. 1966 machte
Bream die Ersteinspielung der «Quatre pièces brèves» auf Schallplatte.
Seither wird dieses Werk von vielen Interpreten als eines der wichtigsten
Gitarren-Werke der Zwischenkriegszeit betrachtet.
Bream bemühte sich anschliessend, Martin mit einer
weiteren Komposition für Sologitarre zu beauftragen. Er sagt dazu
folgendes:
«Natürlich kann ich jetzt zurückblickend sagen, dass es
mir nie gelungen ist, einige der besten Komponisten früh genug dazu zu
bewegen, für Gitarre zu schreiben. Ein Komponist, den ich sehr bewundere,
ist der Schweizer Komponist Frank Martin. Ich habe ihn sogar einmal in
seinem Haus in der Nähe von Amsterdam besucht. Am Ende hatte ich genug Mut
zusammengerafft um ihn zu beauftragen, ein neues Stück zu komponieren, und
er hat den Auftrag gerne angenommen. Aber er war schon etwa 80. Nicht
lange danach besuchte er ein Rezital von mir in Luzern. Es war eine
Matinee, (siehe Foto) und nachher spazierten wir den See entlang und
diskutierten das neue Werk, er auf Französisch und ich auf Englisch.
Dennoch verstanden wir einander vollkommen. Es war das letzte Mal, dass
ich ihn gesehen habe. Er starb ein paar Monate später...».9)
Henri Gagnebin
(1886 – 1977)
Trois pièces à Andrés
Segovia (1953)
Henri Gagnebin wurde 1886 in Lüttich (Belgien) als Kind
einer Pfarrersfamilie aus dem Berner Jura geboren. 1892 zog die Familie
zurück in die Schweiz. Gagnebin studierte Orgel, Komposition und
Orchestrierung, u. a. bei Vincent d’ Indy und Joseph Lauber (letzterer war
später auch Martins Kompositionslehrer). Von 1925 bis 1957 war Gagnebin
Direktor des Genfer Konservatoriums. Sein Œuvre besteht unter anderem aus
vier Symphonien, Oratorien, Werken für Orgel und Klavier sowie
Streichquartetten. Neben den «Trois pièces à Andrés Segovia» existiert
unter dem Titel «Eglogue» noch eine Komposition für Klarinette oder
Violine und Gitarre.10)
Bedeutend ist der Freundeskreis Gagnebins, den er während
seiner Jahre als Direktor des Genfer Konservatoriums aufgebaut hat. Zuerst
ist hier die enge Freundschaft mit Frank Martin zu erwähnen. Gagnebin
hegte eine tiefe Bewunderung für Martin. Über längere Zeit trafen sie sich
wöchentlich. Zwischen 1939 und 1944 wohnten sie sogar gemeinsam im
gleichen Haus, 16 Cours des Bastions, Martin im vierten, Gagnebin im
ersten Stock.
Aber auch Musikerpersönlichkeiten wie Mstislav
Rostropovich, Arthur Rubinstein, Ernest Ansermet oder Andrés Segovia
gehörten zu seinem Bekanntenkreis. Henri Gagnebin wird von vielen
Zeitgenossen als ein Mann mit grossem Gefühl für Humor beschrieben. In
Anspielung auf die französische Redeweise «Chacun sa Chacune» kommentierte
er nach einem Konzert Segovias in Genf die einzigartige Interpretation von
Bachs Chaconne in d-moll folgendermassen: «Chacun sa Chaconne».11)
Im März 1953 schrieb Henri Gagnebin seine «Trois pièces».
Er spielte selbst keine Gitarre. Sein Werk ist weitgehend in
Zusammenarbeit mit José de Azpiazu entstanden. Er war es auch, der die
Stücke mit kleinen Änderungen im Notentext noch im gleichen Jahr beim
Symphonia Verlag Basel unter folgendem Titel herausgab: «Trois pièces pour
guitare à Andrés Segovia». Wir können davon ausgehen, dass auch Segovia
bald nach der Veröffentlichung eine Kopie der ihm gewidmeten «Trois
pièces» erhielt. Er schrieb in einem Brief vom 22. Februar 1954 aus New
York folgendes:
Geehrter Maestro, ich schicke Ihnen diese Zeilen um
Ihnen mitzuteilen, dass Ich mit Ihren schönen Kompositionen langsam
vorwärts komme. Langsam aber stetig... Ich glaube sie in mein Programm für
die nächste Saison einschliessen zu können. Bevor ich nach Granada reise
rechne ich damit, anfang Sommer in die Schweiz zu kommen. Ich werde Sie
über meine Ankunft benachrichtigen, damit Sie Ihre Stücke hören können und
ihnen Ihren Segen geben. Falls ich sie vorzeitig beherrsche, werde ich
Ihnen eine Tonband-Aufnahme davon zukommen lassen.12)
Im Brief von 19. September 1954 aus Assisi schrieb er:
Geehrter Maestro,
ich werde in Genf das Stück «Chansons» aus Ihrer
schönen Suite spielen. Leider war es mir noch nicht möglich, die ganze
Suite einzustudieren. Ich weiss nicht, ob Sie mit der Idee einverstanden
sind, das «Chansons» losgelöst vom ganzen Werk zu spielen. Üblicherweise
mache ich das nicht, aber ich habe den Wunsch, ein Stück von Ihnen zu
spielen. Falls Sie nicht einverstanden sind, bitte ich Sie, dies Madame
Giovanna Cassetti mitzuteilen.
Ich werde wahrscheinlich am 28ten in Genf ankommen und
Sie sofort von meiner Ankunft benachrichtigen, damit Sie Ihr Stück anhören
können. Es klingt sehr schön auf der Gitarre12).
Am 12. Oktober 1954 spielte Segovia das Stück «Chansons»
von Henri Gagnebin im Théâtre de la Cour St. Pierre in Genf.
13)
Im Brief vom 17. Januar 1957 (ohne Adresse; Segovia ist
auf Konzertreise durch die USA) schrieb Segovia:
Mein geehrter Maestro und Freund,
ich bereite mich auf die Neuaufnahme einer Schallplatte
vor, die ich bereits gemacht hatte, aber jetzt mit neuen Stücken. Ihr
«Chansons» wird darauf erscheinen. Dieses hübsche Stück wird sich gut
einfügen, und ich hoffe, dass Sie die Aufnahme mögen. Sobald die
Schallplatte verfügbar ist, werde ich Ihnen ein oder zwei Exemplare
zukommen lassen.12)
Die Einspielung Segovias ist, soweit ich dies
nachvollziehen konnte, nicht realisiert worden.
2, 11, 14)
1956 gehörte «Chansons» zu den Pflichtstücken am
Wettbewerb in Genf.5) Karl
Scheit vernahm aus dem Prospekt des Wettbewerbes, dass Gagnebin für die
Gitarre komponiert hatte. Am 10. März 1956 schrieb er einen Brief an
Gagnebin aus Wien:«(...) Ich gebe im Verlag der Universal Edition eine
Reihe «Musik für Gitarre» heraus und habe in diesem Rahmen auch
zeitgenössische Musik zur Veröffentlichung gebracht. In nächster Zeit
erscheint ein Werk von Frank Martin. Nun erlaube ich mir, bei Ihnen
anzufragen, ob Sie Interesse daran hätten, mir eine Ihrer
Gitarren-Kompositionen für diese Reihe zur Verfügung zu stellen? Ausserdem
liegt mir daran, Ihnen für Ihre Bemühungen um die Gitarre zu danken und
vor allem dafür, dass dieses Instrument von Ihnen nunmehr in den Genfer
Wettbewerb aufgenommen wurde. Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr
ergebener, Karl Scheit.»
Ob und wie Gagnebin auf den Brief von Scheit reagiert hat,
ist mir nicht bekannt. Sicher ist, dass Karl Scheit keine Komposition
Gagnebins veröffentlicht hat.
15)
Ausser dem 1965 für einen M.G. Bauer geschriebenen Stück
«Eglogue» für Klarinette und Gitarre existiert gemäss Werkverzeichnis kein
weiteres Stück für oder mit Gitarre.
10)
Nach dem Wettbewerb von 1956 sind die Stücke Gagnebins
allmählich in Vergessenheit geraten. Nach der offensichtlich von Segovia
nicht realisierten Aufnahme von «Chansons» aus den «Trois pièces», liegt
hier jetzt eine Ersteinspielung des gesamten Zyklus vor.
Hans Haug (1900 –
1967)
Prélude, Tiento et
Toccata (26/28 September 1961)
Hans Haug wurde am 27. Juli 1900 in Basel geboren. Er
studierte Klavier und Cello am Basler Konservatorium und besuchte Kurse
von Ferruccio Busoni in Zürich. Anschliessend studierte er Komposition und
Direktion an der Münchner Musikhochschule. Haug war Dirigent diverser
Schweizer Radio-Symphonie-Orchester. Von 1947 bis 1960 unterrichtete er
Harmonielehre und Kontrapunkt am Konservatorium Lausanne.
Das kompositorische Œuvre Haugs ist sehr umfangreich.
Neben seinen Kompositionen für oder mit Gitarre schrieb er
Streichquartette, diverse Kammermusikwerke, Vokalmusik, Konzerte,
symphonische Werke, Opern, Oratorien und Filmmusik.
16)
Im Dezember 1950 schrieb die «Accademia Musicale Chigiana»
in Siena (Italien) einen Kompositionswettbewerb für Gitarre in folgenden
Besetzungen aus:
1. Concertino für Gitarre und Kammerorchester
2. Quintett für Gitarre und Streichquartett
3. Komposition für Gitarre solo (Sonate, Suite oder
Fantasie)
Es wurden 25 Kompositionen eingesandt. Die Jury stand
unter dem Vorsitz von Georges Enescu; weitere Mitglieder waren u. a.
Ricardo Brengola, Gaspar Cassadó und Andrés Segovia. Ein Preis für das
Gitarrenquintett wurde bei der Prämierung im August 1951 nicht vergeben.
Alexandre Tansman erhielt einen Preis für seine «Cavatina» für Gitarre
solo, und Hans Haug wurde für sein «Concertino für Gitarre und
Kammerorchester» ausgezeichnet, welches sein erstes Werk für Gitarre war.
17)
Den Gewinnern des Wettbewerbes wurde versprochen, dass die
Stücke im Sommer 1952 von Segovia uraufgeführt und anschliessend bei
Schott London verlegt werden. Während dieses Versprechen für die
«Cavatina» von Tansman eingelöst wurde (es wurde 1952 beim Schott-Verlag
herausgegeben), hat Segovia das Concertino von Haug nie gespielt,
2, 18) und das Werk wurde erst drei Jahre nach
Haugs Tod 1970 als Faksimile bei der Edizioni musicali Bèrben
herausgegeben. Alexandre Lagoya machte die Uraufführung zusammen mit dem
Orchestre de Chambre de Lausanne.
Ermutigt durch den Preis in Siena beschäftigte Haug sich
weiter mit der Gitarre. Zwischen Oktober 1953 und Januar 1954 nahm er
regelmässig Gitarrenunterricht bei José de Azpiazu, um das Instrument
besser kennenzulernen.19) Um
diese Zeit entstand seine erste Komposition «Alba» für Sologitarre und
möglicherweise auch das «Preludio», von Segovia später «Postlude» genannt.
«Alba» war offensichtlich bald darauf im Besitz Segovias. Dieser erwähnte
eine Komposition von Haug in seinem Brief vom 19. September 1954 aus
Assisi an Gagnebin:
«Bitte beachten Sie, dass ich auch mit der Erarbeitung
der andern Werke von Villa-Lobos, Tansman, Haug, Rodrigo, Torroba,
Castelnuovo usw. in Verzug bin. Sie werden keine einzige Uraufführung in
meinen nächsten Konzerten entdecken.»12)
«Alba» und «Postlude» wurden später von Segovia auf
Schallplatte eingespielt: «Andrés Segovia with the Strings of the
Quintetto Chigiana» (Decca DL 9832); die einzige Einspielung Segovias mit
Werken von Haug.14)
1961 wird Haug von Segovia angefragt, um
Kompositionsunterricht an der Sommerakademie in Santiago de Compostella zu
erteilen.18) Es
ist hier, dass Haug am 28. September 1961 sein «Prélude, Tiento et
Toccata» vollendet. Die Kommunikation zwischen Haug und Segovia verlief
weitgehend telefonisch, so dass vermutlich keine Briefe vorhanden sind.
18)
Zusammenarbeit von Haug mit anderen Gitarristen/Innen
Am Genfer Wettbewerb von 1956 begegnete Hans Haug zum
ersten Mal Luise Walker.6) Auf
Grund dieser Begegnung schrieb er 1957 seine «Fantasia pour guitare et
piano», Luise Walker gewidmet. Ausserdem entstand 1963 das Stück
«Capriccio pour flûte et guitare» für das Duo Werner Tripp – Konrad
Ragossnig (erschienen auf Schallplatte «L’Anthologie de la guitare»,
RCA-Victor 440.182.) 1966 komponierte Haug noch ein «Concerto pour flûte,
guitare et orchestre». Weiter verwendete Haug die Gitarre noch in
folgenden Werken: «Variations sur une thème de Jacques Offenbach» für
Orchester, «Don Juan à l’étranger» (Opéra comique), «Les Fous» (Opéra
comique), «Justice du roi» (Tragi-comédie) und «Tag ohne Ende»
(Filmmusik).
Ernst Widmer (1927 –1990)
Fünf
Stücke für Gitarre (1989)
Ernst Widmer wurde 1927 in Aarau geboren. Er studierte
Komposition am Konservatorium Zürich bei Willy Burkhard. Danach hat Widmer
die Schweiz verlassen und sich in Brasilien niedergelassen, wo er
massgeblich am Aufbau der Musikhochschule der Universität von Bahia
beteiligt war. Widmer war dort Kompositions- und Klavierlehrer, später
auch Direktor. Mit der Gründung der «Gruppo de Compositores da Bahia»
gelang es Widmer 1966, die Musikhochschule von Bahia zu einem wichtigen
Zentrum der zeitgenössischen brasilianischen Musik zu machen. Ein
wichtiger Bestandteil von Widmers Œuvre sind Vokalwerke; er schrieb
Liederzyklen und 40 Chorwerke a capella.20)
Ernst Widmer starb am 3. Januar 1990 in Aarau. Sein
musikalischer Nachlass wird von der Ernst Widmer-Gesellschaft verwaltet.
Seine Werke werden zur Zeit katalogisiert.
Als ich Ernst Widmer im Sommer 1988 an seine Adresse in
Salvador Bahia schrieb, um ihn mit einer Komposition für Gitarre zu
beauftragen, antwortete er am 11. September 1988 folgendermassen: «(...)
Bin gerne bereit, etwas für Gitarre zu schreiben, bin da sehr beweglich.
Bitte entscheiden Sie, was würde am besten einschlagen? Wo gibt es Lücken?
Bin ab 1. November bis 15. Dezember in der Schweiz bei meinem Bruder». Es
war November 1988 als ich Ernst Widmer in Aarau besuchte. Wir besprachen
den Kompositionsauftrag. Er spielte mir einige seiner Klavierkompositionen
vor, ich spielte ihm einige zeitgenössische Gitarrenstücke vor. Es schien
mir, als kenne Widmer die Gitarre ausgezeichnet. Seine früheren
Kompositionen für Gitarre hatte er in Bahia in Zusammenarbeit mit einem
Gitarristen der dortigen Musikhochschule geschrieben. Widmer zeigte mir
eine Komposition für Orchester, worin die Gitarre eine wichtige Rolle
spielt. Ich hörte eine Tonbandaufnahme mit einer Aufführung dieses Werkes,
worin eine ausgedehnte Kadenz für Gitarre vorkommt. Widmer hat daneben
auch noch andere Werke für und mit Gitarre geschrieben.
Am 23. August 1989 bekam ich einen Brief aus Bahia, worin
Widmer schreibt, «den Anforderungen bis Ende Jahr nachkommen zu können».
Es ist der letzte Brief, den ich von ihm bekam. Er starb gut vier Monate
später.
Im März 1990 tauchte bei der Ernst Widmer Gesellschaft in
Aarau ein Ordner mit Gitarrenkompositionen auf, worin meine Visitenkarte
eingeklebt war. Widmer hatte bis zu seinem Tod an diesen Stücken
gearbeitet. Nur das «Con Brio» ist auf einem separaten Blatt in
Reinschrift notiert worden. Die Reihenfolge im Ordner (allerdings ohne
Numerierung) ist folgendermassen: «Calmo», «Vivo» (hier können wir nicht
absolut sicher sein, dass der zweite Teil vom «Vivo» dazugehört. Er steht,
ohne Titel, auf der folgenden Seite, obwohl auf der vorhergehenden Seite
noch Platz vorhanden ist), «Ronde», «Barcarolle».
Han Jonkers
Anhang
Den Begleittext dieser CD hätte ich ohne die unschätzbare
Hilfe folgender Personen, Artikel und Bücher nicht schreiben können:
1) Gespräch mit Maria Martin-Boeke, Naarden
(Niederlande)
2) Gespräch mit Emilita Segovia, Genf (Schweiz)
3) Bulletin du Conservatoire de Musique de Genève,
November 1950.
4) Gitarre & Laute, Nr. 2/1986
5) Reglement des Internationalen Musikwettbewerbes 1956
in Genf
6) Gespräch mit Luise Walker, Wien (Österreich)
7) Jan J. de Kloe, Martin’s Quatre pièces brèves,
Soundboard (Fachzeitschrift der Guitar Foundation of America), 1993
8) Gespräch mit María Guadalupe Azpiazu, Genf (Schweiz)
9) Tony Palmer: Julian Bream, A Life on the Road,
Mac Donald & Co, London, 1982, S. 92
10) Descendants de Henri Gagnebin, Henri Gagnebin –
Chronologie de sa vie et Catalogue de ses œuvres, Le Larigot, Anières,
1986
11) Gespräche mit François und Charles Gagnebin, Anières
/ Cormondrèche (Schweiz)
12) Erst kürzlich entdeckte Briefe Segovias und Scheits,
die hier zum ersten Mal auszugsweise veröffentlicht werden.
13) Programmheft des Konzertes von Segovia, Genf 1954
14) Graham Wade, Segovia – A Celebration of the Man
and his Music, Allison & Busby, London, 1983
15) Ausgabeverzeichnis «Musik für Gitarre von Karl
Scheit», Universal Edition Wien (Österreich)
16) Jean-Louis Olivier Matthey, Hans Haug – Catalogue
du fonds déposé à la Bibliothèque cantonale et universitaire de Lausanne,
Lausanne, 1970
17) Guitar Review Nr. 13, 1952
18) Briefwechsel zwischen Françoise Haug-Budry (Montréal,
Kanada) und mir
19) Agenda von José de Azpiazu, zur Verfügung gestellt
von María Guadalupe Azpiazu
20) Sibylle Erismann, «Klima und Eingängigkeit sind
mir wichtig» (Artikel über das kompositorische Œuvre von Widmer), Neue
Zürcher Zeitung 23. / 24., Mai 1992
Die Fotos wurden von folgenden Personen zur Verfügung
gestellt.
Wettbewerbsjury: Françoise Haug-Budry
Frank Martin mit Julian Bream: Maria Martin-Boeke
Henri Gagnebin: François Gagnebin
Hans Haug: Bibliothèque cantonale et universitaire de
Lausanne
Ernst Widmer: Ernst Widmer-Gesellschaft, Aarau
Mein Dank geht an Eugen Notter für das kritische
Durchlesen der Texte.
Folgende Institutionen haben auf grosszügige Weise die
Realisierung dieser CD unterstützt:
Hans und Lina Blattner-Stiftung, Aarau
Kuratorium für die Förderung des kulturellen Lebens des
Kantons Aargau
Kantonales Amt für Kultur und Sport des Kantons Solothurn
Nachkommen von Henri Gagnebin
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