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While My Guitar Was Gently Weeping
Music From The Royal Courts Of Germany
Minsk Music - Chamber Music from Belarus


Minsk Music - Chamber Music from Belarus

Musikalische Impressionen aus Weissrussland
Ein fast noch weisser Fleck in der Musiklandschaft: Während die baltischen Staaten musikalisch schon während der 80er Jahre auf sich aufmerksam machten und sich ehemals sowjetische Republiken wie die Ukraine oder Georgien allmählich dank einzelner Persönlichkeiten hervortaten, ist es um Weissrussland seltsam still geblieben. Das Land zwischen Polen, Baltikum, Russland und Ukraine hat zwar eine lange musikalische Tradition, aber eine vertiefte Begegnung ist immer noch wünschenswert.

Diese Begegnung freilich ist für Avantgarde-gewöhnte Ohren zunächst irritierend, denn weder ist diese Musik auf Innovation aus, noch orientiert sie sich am aktuellen Materialstand der zeitgenössischen Musik. Weissrussische KomponistInnen arbeiten gern mit Modellen aus der Musikgeschichte, aber sie tun es kaum mit jener schmerzlichen Ironie, die sich etwa beim frühen Arvo Pärt oder beim Deutschrussen Alfred Schnittke findet. Auch das sich aufbäumende Pathos des Georgiers Gija Kantscheli oder das Kitsch-Bewusstsein des Ukrainers Valentin Silvestrov ist ihnen fremd, allenfalls begegnet man solcher Verspieltheit in einigen Werke von Vyacheslav Kuznetsov. Gerade aber die auf dieser CD präsentierte Musik gibt sich kaum je vehement oder aufmüpfig. Vielmehr scheint sie sich an Vorbildern abzuarbeiten, scheint sie sich freischaufeln zu wollen, wobei viel Melancholie mitschwingt. Sie macht sich gleichsam auf den Weg. 1990 gründeten Sergey Beltiukov, Galina Gorelova, Vyacheslav Kuznetsov, Dmitry Lybin und andere die Weissrussische Gesellschaft für zeitgenössische Musik. Von dieser Musikszene ist also noch einiges zu erwarten.

Valery Karetnikov wurde 1940 in einem russischen Dorf im Südural bei Tscheljabinsk geboren und kam mit sechs nach Minsk. Zunächst arbeitete er im Minsker Traktorenwerk. Erst mit 18 Jahren begann er eine professionelle Ausbildung und studierte Komposition bei Evgeny Glebov und später bis 1970 bei P. Podkovyrov am Konservatorium. 15 Jahre lang unterrichtete er in verschiedenen russischen und weissrussischen Städten, bis er 1985 zurückkehrte. Seither lehrt er Komposition an der Weissrussischen Musikakademie Minsk. Sein Werk umfasst eine Sinfonie, 2 Klavierkonzerte, die Suite Jahreszeiten, Kammermusik, Lieder und mehr als 80 Werke für Klavier. In seiner der Tradition verpflichteten Tonsprache geht es Karetnikov um klare Formung und Farbenreichtum, so etwa in diesem dreisätzigen Quintett für Flöte und Streichquartett aus dem Jahr 2003.

Galina Gorelova ist heute eine der wichtigsten Vertreterinnen weissrussischen Komponierens. 1951 in Minsk geboren, studierte sie Komposition bei Dmitry Smolsky, einem Vorreiter weissrussischer Musik; danach war sie Assistentin bei Anatoly Bogatyrev. Von 1980–87 absolvierte sie Meisterkurse bei Yuri Fortunatov am Tschajkovsky Konservatorium in Moskau. Heute unterrichtet sie selber Komposition, Orchestermusik und Kontrapunkt an der Weissrussischen Musikakademie in Minsk. Ihr Werk umfasst mehrere Konzerte (etwa für Violine, für Balalaika, etc.), Kammermusik, Chorwerke, Liederzyklen und Klavierstücke. Sie hat auch Gelegenheitsmusik für Radio, Theater und Fernsehen geschrieben.
Sie gilt als Vertreterin eines Weissrussischen Neoromantizismus. Das wird gerade in ihrem Stück Der Star über dem Haus des Glöckners deutlich, das Elemente der Barockmusik mit Mozart und Ravel verbindet. Das Trio, komponiert 2004 für Flöte, Gitarre und Cello, umfasst drei Teile: «Die vergessene Melodie für Han» (gemeint ist der Gitarrist Han Jonkers) wird von der Gitarre geprägt und dem alten holländischen Liedchen «Cecilie». Die Flöte fügt neobarocke Fiorituren an. So erleben wir eine Idylle, die zuweilen von Modernismen gestört wird, nicht auf drastische, sondern – wie oft bei Gorelova – auf eher untergründige, aber nichtsdestoweniger sanft beunruhigende Weise.
Im zentralen Satz mit dem Titel «Der Star über dem Haus des Glöckners» singt die Flöte das Lied des Stars. Gitarre und Cellopizzicati ahmen Glockenklänge nach (die für Gorelova so wichtig sind), in der Gitarre erklingt die sentimentale Melodie einer mechanischen Drehorgel; der Glöckner hält (im Cello) einen pathetischen Monolog. So entsteht – in aller gebotenen Kürze und Knappheit – eine kleine, fast etwas melancholische Theaterszene. Im Schlusssatz «Fest der Flöte» dominiert und brilliert die Flöte. Auf witzige Weise collagiert sie Elemente der Barockmusik und vor allem zwei Zitate aus den Inventionen Johann Sebastian Bachs.
Äusserlich schon ähnlich ist das ebenfalls dreisätzige Duo Tatjanas Tag von 2001. Der weissrussische Gitarrist Valery Zhivalevsky bestellte es wie zuvor schon die Suite für Gitarre und Klavier Erinnerung an Nesvizh (2000) sowie das Konzert für Gitarre, Streichorchester und Glocken (1997). Wie in Der Star über dem Haus des Glöckners befindet sich das Titelstück in der Mitte. Im Gegensatz dazu ist freilich alle Ironie gebannt; die stilistischen Anleihen sind mit allem Ernst gesetzt.
Der erste Teil «Mein Haus ist mit der Trauer des Abends verschmolzen» ist geprägt von Schwermut über die Vergänglichkeit des Lebens und das Dahineilen der Zeit. Die Seele ist einsam, schwingt sich aber doch zu einem kurzen sehnsüchtigen Gesang im Cello auf. Der Mittelsatz, so die Komponistin, fängt die Stimmung eines frostigen Januartags ein. Für eine kurze Zeit findet die Seele Ruhe, steht sie im Einklang mit der Natur. Tatjana ist die Schutzheilige der Studenten und Studentinnen, ihr Namenstag, der 25. Januar, markiert den Beginn der Ferienzeit. Das Finale «Ich verabschiede mich am Wegrand» zitiert die erste Zeile des Gedichts «Abschied» von Federico García Lorca. Die Nähe des Tods verleiht der Musik einen tragischen Ton.

Sergey Beltiukov wurde 1956 in Bolbasovo (Region Vitebsk) geboren und begann bereits mit 6 Jahren am Klavier. Bald gewann er verschiedene Preise, worauf er eingeladen wurde, am Musikkollegium des Konservatoriums in Minsk zu studieren (1971–1975). Anschliessend besuchte er die Musikakademie und schloss seine Studien 1980 bei Grigory Scherschevsky ab. Danach studierte er bis 1989 in der Kompositionsklasse bei Evgeny Glebov. Seit 1995 arbeitet er beim Weissrussischen Radio, zuerst als Chefredaktor für das musikalische Unterhaltungsprogramm, jetzt als stellvertretender Direktor des Kulturkanals. Er schrieb fünf Sinfonien, eine Ballettmusik (Rogneda), Kantaten, Kammerund Klaviermusik sowie Musik für Film, Fernsehen und Radio.

Sein Streichquartett von 2003 umfasst drei Teile. Der erste Teil ist leichtgewichtig, während der zweite die oft schwierige Lebenswirklichkeit widerspiegelt. Der attacca sich anschliessende dritte Teil schliesslich, ein lustiges Dorffest, greift Hauptthemen des ersten wieder auf.

Dmitry Lybin, geboren 1963 in Minsk, schloss 1986 sein Studium in Musikwissenschaft an der Russischen Akademie der Musik in Moskau und 1994 in Komposition bei Dmitry Smolsky an der Weissrussischen Musikakademie Minsk ab. Seit 2001 unterrichtet er dort selber. Der Weissrussischen Gesellschaft für zeitgenössische Musik diente er zunächst als Sekretär und seit 2001 als Präsident.

Die 7 kleinen Fantasien über ein Thema von Glinka entstanden 2003 im Auftrag des Minsker Streichquartetts für ein Programm mit dem Flötisten Bruno Meier und dem Gitarristen Han Jonkers. Äusserer Anlass war der 200. Geburtstag von Mikhail Glinka (1804–1856), dem Vater der russischen Musik. Das erste Thema seiner unvollendeten Bratschensonate bildete die Grundlage der Fantasien. Lybin ist von den hier vertretenen Komponisten der Avancierteste. Neue Möglichkeiten der Klangerzeugung (etwa Vierteltöne im Mittelteil) werden mit traditionellen Mitteln und einer neoromantischen Ästhetik verknüpft, was reizvolle und zuweilen schräge Kontraste ergibt.

Vsevolod Gritskevich, 1947 in Baranovichi (Region Brest) in eine Lehrerfamilie geboren, ist eine Doppelbegabung. Er ist einerseits als Toningenieur ausgebildet und arbeitete einige Jahre bei der Weissrussischen Fernsehund Radiogesellschaft. Andererseits bildete er sich zum Pianisten und Theorielehrer aus. Wichtig wurde für ihn die Begegnung mit Eduard Balsis, einem Professor am Konservatorium von Vilnius, den er als Offizier in Litauen kennenlernte und der ihn unentgeltlich unterrichtete. Seine Kompositionsstudien schloss er bei Dmitry Smolsky an der Musikakademie von Minsk ab. Gritskevich hat Kammermusik, Vokalmusik, Theatermusik, Orchestermusik und ein Klavierkonzert geschrieben. Daneben bildete er sich aber auch in Zeichnen und Malerei aus.

So erstaunt es nicht, dass sein Poem für Flöte, Violine, Viola, Gitarre und Cello von 2003 von einem Gemälde des weissrussischen Malers Ferdinand Emanuel Ruschiz (1870–1936) inspiriert wurde. «Bei der Kirche», gemalt 1899, hängt im Nationalen Kunstmuseum in Minsk und ist offenbar für die weissrussische Identität von grosser Bedeutung. Es zeigt einen Frühlingstag auf dem Dorf mit Sonnenschein und einem blauen, von vielen Wolken bevölkerten Himmel. Der Blick geht eng zwischen zwei Gebäuden hindurch auf eine anscheinend weite Landschaft mit noch kahlen Bäumen und einem tiefen Horizont. Ähnlich wechselvoll ist die oft atmosphärische, sich an klassischen und romantischen Vorbildern orientierende Musik. Vielleicht darf dieses so stimmungsvolle und dabei zwischen Sonne und Wolken, zwischen Enge und Hoffnung auch ambivalente Bild für die Verfassung Weissrusslands stehen.
Thomas Meyer

Bruno Meier
Der Schweizer Flötist Bruno Meier erhielt seine Konzertausbildung bei André Jaunet (Zürich), Marcel Moyse (Brattleboro, USA) und Peter-Lukas Graf an der Musikakademie Basel, wo er das Konzertdiplom mit Auszeichnung erwarb. Seither ist er als Pädagoge und Solist im In- und Ausland tätig.
In den letzten Jahren forschte Meier vermehrt als Musikwissenschaftler nach unbekannter Literatur für sein Instrument, was zu zahlreichen CD- und Rundfunkaufnahmen geführt hat. Nennenswert sind seine Erstaufnahmen der Flötenkonzerte von Myslivecek, Vanhal, Krommer, Rosetti, Reicha und Witt.
Seine Zusammenarbeit mit dem Prager Kammerorchester und dem Stamitz-Quartett (Gesamteinspielung der Flötenquintette von Franz Krommer) fand weltweite Beachtung. Sein Repertoire umfasst nebst den Standardwerken der Flötenliteratur Musik vergessener Komponisten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts und kaum bekannte Kompositionen vom Barock bis zur Moderne.

Han Jonkers
Der niederländische Gitarrist Han Jonkers studierte an der Musikhochschule von Maastricht. Weitere Studien, die er mit dem Solistendiplom abschloss, folgten an der Musikakademie in Basel bei Konrad Ragossnig und Oscar Ghiglia. Han Jonkers ist Preisträger internationaler Wettbewerbe (1983 in Viña del Mar, Chile und 1985 Maria Canals in Barcelona, Spanien). Seit 1981 lebt er in der Schweiz. Er leitet Workshops und konzertiert regelmässig solistisch wie auch in Kammermusikbesetzungen in Europa, Südamerika und Südafrika. Han Jonkers ist Lehrbeauftragter für Gitarre an der Pädagogischen Fachhochschule des Kantons Aargau in Aarau. Beim Aarauer Musikverlag Nepomuk betreut er eine Reihe mit Gitarrenmusik. Seine CDs erschienen bei CADENZA RECORDS, BAYER-RECORDS und PAN CLASSICS und erhielten in der Presse lobende Kritiken.

Minsker Streichquartett
Das Minsker Streichquartett – das sind vier junge Musiker aus der weissrussischen Hauptstadt Minsk. Alle vier sind Absolventen der Weissrussischen Staatlichen Akademie der Musik. Bevor sie im Jahre 2000 das Minsker Streichquartett gründeten, spielten sie in den bekanntesten Musikkollektiven der Republik Belarus. Ihr Repertoire beinhaltet Werke verschiedener Epochen und Stilrichtungen, vor allem aber Kammermusik weissrussischer Komponisten und Komponistinnen. So haben sie erstmals Werke von Kim Tesakov, Dmitry Smolsky, Sergey Beltiukov und Valery Karetnikov interpretiert.

Yuri Herman, geboren 1972 in Minsk, schloss das Studium der Violine bei Anri Janpolsky ab. Anschliessend war er Dozent an der Akademie der Musik. Er ist Preisträger des Allrussischen Tanejev-Wettbewerbs für Kammermusik. Er war Konzertmeister beim Staatlichen Kammerorchester der Republik Belarus.
Alexei Vlasenko, geboren 1974 in Gorodok bei Vitebsk, schloss die Akademie der Musik in der Geigenklasse bei Lilja Umnova ab. Er spielte im Orchester der Staatlichen Musikkomödie. Vladimir Himoroda, geboren 1972 in Dzherzhinsk. Er schloss das Studium an der Akademie der Musik in der Violaklasse von Lucia Lastovka ab. Er spielte im Staatlichen Akademischen Sinfonieorchester der Republik Belarus und im Solistenensemble Klassik-Avantgarde.
Denis Skliarov, geboren 1973 in Poltava. Er studierte Cello an der Akademie der Musik bei Evgeny Feschenko. Er ist Preisträger internationaler Wettbewerbe. Er war Mitglied des «Neuen Weissrussischen Quartetts», Konzertmeister der Cellogruppe des Russisch-Amerikanischen Jugendsinfonieorchesters, ausserdem spielte er im Staatlichen Kammerorchester der Republik Belarus.

Partnerschaft Aargau–Belarus
Die Partnerschaft Aargau–Belarus ist ein interkulturelles Projekt der Abteilung Kultur im Departement Bildung, Kultur und Sport des Kantons Aargau. Sie ermöglicht den kulturellen Austausch zwischen Ost und West, sie bringt den Kanton Aargau mit Belarus in Beziehung. Bruno Meier und Han Jonkers reisten seit 1996 mehrmals nach Belarus, wo sie jeweils an der Akademie der Musik in Workshops unterrichteten und als Gastsolisten des Minsker Streichquartetts und des Solistenensembles Klassik-Avantgarde in verschiedenen Städten auftraten. Umgekehrt war seit 2001 das Minsker Streichquartett wiederholt auf Einladung des Kantons im Aargau zu Gast.

 


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